Tipps von Dr. Peter Steinbigler: G‘sund sei‘ und g‘sund bleim!

Angstschweiß – Wozu braucht es das?

Der Blick in den Abgrund verursacht bei dem einen Angstschweiß, bei dem anderen nicht. Schon der Gedanke an die nächste Prüfung kann die gleiche Reaktion hervorrufen. Aber wieso kommt Angstschweiß auf und wofür soll er gut sein?

Normalerweise ist das Schwitzen eine Reaktion des Körpers, um die Körpertemperatur zu regulieren. Die Verdunstung von Flüssigkeit an der Körperoberfläche erzeugt Kälte, die in großer Hitze und bei heftiger körperlicher Beanspruchung überschüssige Wärme des Körpers herunterkühlt. Schwitzen wird über das vegetative, das unbewusste Nervensystem und dessen Schaltzentrale im Gehirn, den sogenannten Hypothalamus koordiniert. Angstgefühle, Panikattacken, aber auch Glücksgefühle und Wohlergehen werden von dort gesteuert.

Bei Angst und vor allem Furcht, wird eine Flucht wahrscheinlich werden, weshalb sich der Körper darauf unbewusst vorbereitet. Instinktiv wird bedacht, dass mögliche Anstrengung
und viel Bewegung Hitze bedeuten, weshalb der Körper durch den Angstschweiß schon mal vorgekühlt wird. Angstschweiß ist kalter Schweiß. Sollte gar ein wildes Tier zupacken wollen, ist die feuchte Haut viel glitschiger, was Festhalten und Ergreifen viel schwieriger macht.

Angst bewirkt auch den Ausstoß von Stresshormon, weshalb die Haut weniger stark durchblutet und blass wird. Das in der Haut fehlende Blut wird für die Muskeln gebraucht, die Flucht, gegebenenfalls die Verteidigung bewerkstelligen sollen. Zudem blutet eine weniger durchblutete Haut geringer, wenn bei Flucht und Verteidigung Verletzungen passieren.

Interessanterweise hat Angstschweiß auch eine Kommunikationskomponente. Er riecht anders, was Menschen unterbewusst wahrnehmen können und bei ihnen im Gehirn erhöhte Wachsamkeit erzeugen kann.

In einer Studie wurden Probanden Horrorfilme gezeigt und dabei Watte in die Achselhöhlen positioniert. Nicht sehr appetitlich, aber der Wissenschaft dienlich, wurden die Wattestücke anderen Freiwilligen unter die Nase geklebt, während sie bestimmte Tests ausführten und die Reaktionszeit gemessen wurde. Im Vergleich zu Normalschweiß (der bei sportlicher Betätigung gewonnen wurde) riechenden Probanden, konnten die mit Angstschweiß traktierten wesentlich schneller und besser reagieren. Beruhigter waren sie aber nicht.

Angstschweiß scheint auch unterbewusst in einer Menschenansammlung Angstgefühle zu verbreiten. Bei den Angstschweißschnüfflern zeigten sich deutliche Unterschiede in entscheidenden Hirnaktivitäten bei Kernspinuntersuchungen verglichen mit den Normalschweißschüfflern. Bewusst konnten die Probanden aber nie unterscheiden, ob sie Angstschweiß oder Normalschweiß vor die Nase gesetzt bekamen.

Gegen Angstschweiß kann man zwar Deodorants verwenden, aber sinnvoller ist es, seine Angst zu bekämpfen. So kontrolliere ich den vorliegenden Text lieber dreimal, ob beim Wort Schweiß das „W“ immer vorhanden ist, als Angstschweiß vor der Häme der Leser zu haben.

In diesem Sinne – bleiben Sie gesund!

PD Dr. Steinbigler
Chefarzt Innere Medizin - Kardiologie, Klinik Mindelheim

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